Welche Gesundheitsdaten sollte ich eigentlich kennen?
Wir kennen unseren Kontostand, unsere Termine und oft sogar die Akkuleistung unseres Smartphones. Aber kennen wir unseren Blutdruck, unseren LDL-Wert oder unseren durchschnittlichen Blutzucker?
Personalisierte Prävention beginnt nicht damit, möglichst viele Daten zu sammeln. Sie beginnt damit, die richtigen Daten zu kennen – und sie im persönlichen Zusammenhang zu verstehen.
Denn ein einzelner Laborwert sagt oft wenig. Erst Alter, Geschlecht, Familiengeschichte, Lebensstil, Medikamente, Vorerkrankungen und die Entwicklung über mehrere Jahre ergeben ein aussagekräftiges Bild.
Die persönliche Health Baseline
Einige Gesundheitsdaten sind für sehr viele Erwachsene besonders relevant.
1. Blutdruck
Bluthochdruck gehört zu den wichtigsten beeinflussbaren kardiovaskulären Risikofaktoren. Die europäischen ESC-Leitlinien empfehlen deshalb regelmäßige Messungen; ab dem 40. Lebensjahr wird mindestens eine jährliche Blutdruckkontrolle empfohlen.
Wichtig ist dabei nicht nur ein einzelner Wert beim Arzt. Die Entwicklung über die Zeit kann wesentlich aussagekräftiger sein.
2. Blutfette – insbesondere LDL-Cholesterin
LDL-Cholesterin ist ein zentraler Faktor bei der Entstehung atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wie niedrig der persönliche LDL-Wert sein sollte, hängt jedoch vom individuellen Gesamtrisiko ab. Die aktuellen europäischen Leitlinien betrachten deshalb Cholesterinwerte gemeinsam mit weiteren Risikofaktoren.
Interessant ist zusätzlich Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Dieser Wert ist weitgehend genetisch bestimmt. Die ESC empfiehlt inzwischen, eine Lp(a)-Messung zumindest einmal im Erwachsenenleben in Betracht zu ziehen.
3. Blutzucker und HbA1c
Ein erhöhter Blutzucker entwickelt sich häufig über Jahre. Der HbA1c-Wert gibt Hinweise auf die längerfristige Blutzuckersituation und gehört neben dem Nüchternblutzucker zu den etablierten Verfahren zur Erkennung von Diabetes.
Gerade zusammen mit Gewicht, Bauchumfang, Bewegung und Familiengeschichte können diese Werte helfen, metabolische Veränderungen früher zu erkennen.
4. Gewicht – aber bitte nicht nur BMI
Der BMI kann eine erste Orientierung geben, erzählt aber nicht die ganze Geschichte. Für die Einschätzung von Übergewicht und insbesondere abdominalem Fett empfiehlt die europäische Prävention deshalb zusätzlich beispielsweise Taillenumfang oder Waist-to-Height-Ratio.
Auch Muskelmasse und körperliche Fitness verändern die Interpretation.
Ein sportlicher Mensch mit einem BMI von 26 ist etwas anderes als ein Mensch mit demselben BMI, wenig Muskulatur und zunehmendem Bauchfett.
Und dann gibt es die Daten, die nur für mich wichtig sind
Genau hier beginnt Personalisierung.
Bei einem Menschen kann die Nierenfunktion besonders relevant sein, bei einem anderen Eisenstatus oder Schilddrüse. Bei Frauen können abhängig von Alter und Situation gynäkologische und hormonelle Faktoren hinzukommen. Bei entsprechender Familiengeschichte können wiederum bestimmte kardiologische, metabolische oder onkologische Untersuchungen wichtiger werden.
Mehr Laborwerte bedeuten deshalb nicht automatisch bessere Prävention.
Die entscheidende Frage lautet:
> Welche Daten verändern tatsächlich eine Entscheidung für meine Gesundheit?
Wearables: Aus dem Alltag entsteht ein neues Gesundheitsbild
Smartwatch, Ring oder Fitness-Tracker ergänzen heute die klassische Momentaufnahme beim Arzt um etwas völlig Neues: kontinuierliche Daten aus unserem Alltag.
Je nach Gerät lassen sich beispielsweise Schritte und Aktivitätsdauer, Ruhepuls, Herzfrequenz während des Trainings und Schlafdauer beobachten. Die WHO beschäftigt sich inzwischen ausdrücklich mit dem Einsatz von Wearables zur objektiveren Erfassung von körperlicher Aktivität und sedentärem Verhalten.
Gerade dabei kann der Trend interessanter sein als ein einzelner Tageswert.
Steigt mein Ruhepuls über Wochen?
Bewege ich mich weniger als früher?
Schlafe ich dauerhaft kürzer?
Hat sich meine Belastbarkeit verändert?
Einige Wearables können inzwischen sogar EKG-Daten erfassen und Hinweise auf Herzrhythmusstörungen liefern. Studien zeigen hier durchaus diagnostisches Potenzial – zugleich reichen Wearables allein nicht aus, Erkrankungen sicher auszuschließen oder medizinische Diagnosen zu ersetzen.
Auch Schlafdaten sollten mit Augenmaß interpretiert werden: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Consumer-Wearables Schlaf und Wachphasen durchaus erfassen können, bei detaillierten Schlafstadien jedoch Abweichungen gegenüber der medizinischen Polysomnographie bestehen.
Wearables sind deshalb vor allem hervorragende Trendmesser – keine Ersatzärzte.
Aus Gesundheitsdaten muss Gesundheitswissen werden
Die Zukunft der Prävention wird vermutlich nicht darin liegen, dass wir noch mehr Werte produzieren.
Sie wird darin liegen, medizinische Befunde, Laborwerte, Familiengeschichte, Lebensstil und kontinuierliche Daten sinnvoll miteinander zu verbinden.
Dann kann aus einem abstrakten Wert eine konkrete Frage entstehen:
Was ist mein größtes beeinflussbares Risiko – und welche Veränderung bringt mir persönlich jetzt den größten Nutzen?
Vielleicht sind es zunächst 2.000 zusätzliche Schritte am Tag.
Vielleicht zweimal Krafttraining pro Woche.
Vielleicht eine Gewichtsreduktion.
Vielleicht besserer Schlaf.
Oder eine ärztliche Kontrolle eines bisher übersehenen Risikofaktors.
Personalisierte Prävention bedeutet deshalb nicht, jeden Tag zwanzig Gesundheitswerte zu kontrollieren.
Es bedeutet, die eigenen relevanten Daten zu kennen, Veränderungen früh zu erkennen und daraus Schritt für Schritt die richtigen Entscheidungen abzuleiten.
Auf einen Blick: Meine persönliche Health Baseline
Kennen sollte ich zumindest:
Blutdruck · LDL und weitere Blutfette · Blutzucker/HbA1c · Gewicht und Taillenumfang · Bewegungsniveau · körperliche Fitness · Schlaf · relevante familiäre Risiken · Medikamente und wichtige medizinische Vorbefunde.
Alles Weitere sollte sich aus meinem persönlichen Risikoprofil ergeben.