Cornelia und Roy im Interview
„Wir wollen, dass Menschen ihre Gesundheit nicht erst verstehen, wenn sie krank werden.“
GRÜNDERINTERVIEW
Im Gespräch mit den Gründern von LIV.TWIN
„Wir wollen, dass Menschen ihre Gesundheit nicht erst verstehen, wenn sie krank werden.“
Cornelia Beier und Roy von der Locht über persönliche Erfahrungen mit Krebs, die Bedeutung medizinischer Zweitmeinungen und ihre gemeinsame Vision einer neuen Gesundheitsbegleitung.
Sie kommen aus unterschiedlichen beruflichen Bereichen. Was hat Sie dazu bewegt, gemeinsam LIV.TWIN zu gründen?
Cornelia Beier
Uns verbindet vor allem die Erfahrung, dass Menschen in unserem Gesundheitssystem häufig nicht ausreichend verstehen, was mit ihnen geschieht. Ich habe das über viele Jahre in meinem beruflichen und persönlichen Umfeld erlebt. Medizin ist unglaublich komplex geworden, gleichzeitig sind die Möglichkeiten der Diagnostik und Therapie heute beeindruckend. Aber dieses Wissen erreicht den einzelnen Menschen oft nicht in einer Form, die er wirklich verstehen kann. Roy hat das aus einer sehr persönlichen Perspektive erfahren. Als wir uns intensiver mit unseren Erfahrungen beschäftigt haben, wurde deutlich, dass wir gemeinsam etwas verändern möchten.
Roy von der Locht
Ich habe selbst zwei Krebserkrankungen hinter mir. In solchen Situationen merkt man sehr schnell, wie schwierig es ist, medizinische Informationen richtig einzuordnen. Plötzlich muss man Entscheidungen treffen, die möglicherweise weitreichende Konsequenzen haben, und gleichzeitig versucht man überhaupt erst einmal zu verstehen, was die Diagnose bedeutet. Ich habe daraus gelernt, wie wichtig spezialisierte Ärzte, verständliche Informationen und gegebenenfalls auch eine zweite Meinung sein können. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf die Möglichkeiten digitaler Gesundheitslösungen stark geprägt.
Welche Bedeutung hatte die Zweitmeinungsplattform für die Entwicklung Ihrer Idee?
Roy von der Locht
Die Zweitmeinungsplattform ist ein wichtiger Teil unserer technologischen und medizinischen Ausgangsbasis. Über die vorhandene Infrastruktur wurden bereits mehr als 10.000 Zweitmeinungsfälle bearbeitet. Dabei geht es um die strukturierte Zusammenführung medizinischer Informationen und den Zugang zu spezialisierter fachärztlicher Expertise. Die Erfahrungen aus diesen Prozessen haben gezeigt, dass zusätzliche medizinische Bewertungen wichtige neue Erkenntnisse liefern können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Patienten bereits vor einer möglichen Zweitmeinung Unterstützung benötigen. Sie müssen zunächst verstehen, welche Informationen in ihren Befunden stehen, welche Fragen noch offen sind und wie sie sich auf das nächste Gespräch vorbereiten können. Genau hier wollten wir ansetzen.
Cornelia Beier
Für mich war das eine konsequente Weiterentwicklung eines Themas, mit dem ich mich bereits seit den frühen 2000er-Jahren beschäftigt habe: Wie können wir medizinisches Spezialwissen besser zugänglich machen? Damals war ich an einem Unternehmen für onkologisches Wissensmanagement beteiligt. Heute haben wir durch künstliche Intelligenz völlig andere technologische Möglichkeiten. Entscheidend ist für mich aber immer noch dieselbe Frage: Wie machen wir aus medizinischem Wissen etwas, das dem einzelnen Menschen tatsächlich hilft?
Sie sprechen viel über Prävention. Warum ist dieses Thema für Sie so wichtig?
Cornelia Beier
Weil wir meiner Meinung nach grundlegend verändern müssen, wie wir über Gesundheit denken. Wir beschäftigen uns intensiv mit Krankheiten, ihren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten. Das ist natürlich unverzichtbar. Aber wir sollten uns mindestens genauso intensiv damit auseinandersetzen, wie Menschen möglichst lange gesund bleiben können. Wir wissen heute sehr viel über den Einfluss von Bewegung, Ernährung, Schlaf, Stoffwechsel und anderen Lebensstilfaktoren. Dennoch gelingt es uns häufig nicht, dieses Wissen dauerhaft in den Alltag zu integrieren. Ich glaube, dass eine intelligente, persönliche Gesundheitsbegleitung hier einen wichtigen Beitrag leisten kann. Prävention darf keine abstrakte Empfehlung bleiben. Sie muss verständlich, individuell und alltagstauglich werden.
Was bedeutet für Sie der Gedanke, dass Menschen zum CEO ihrer eigenen Gesundheit werden sollten?
Cornelia Beier
Für mich bedeutet das vor allem Selbstverantwortung durch Wissen. Wer ein Unternehmen führt, lässt sich beraten, sammelt Informationen und trifft auf dieser Grundlage Entscheidungen. Warum sollten wir mit unserer Gesundheit anders umgehen? Natürlich können und sollen wir keine Ärzte ersetzen. Aber wir sollten unsere Befunde kennen, wichtige Risikofaktoren verstehen und wissen, welche Möglichkeiten wir haben, unsere Gesundheit positiv zu beeinflussen. Mir geht es darum, dass Menschen aus einer passiven Haltung herauskommen und ihre Gesundheit bewusster mitgestalten.
Welche Rolle kann künstliche Intelligenz dabei übernehmen?
Roy von der Locht
Künstliche Intelligenz eröffnet uns die Möglichkeit, medizinische Informationen in einer Geschwindigkeit und einem Umfang zu strukturieren, die bislang kaum vorstellbar waren. Entscheidend ist aber, dass die Ergebnisse nachvollziehbar sind und auf verlässlichen medizinischen Quellen beruhen. Wir möchten keine Technologie entwickeln, die Menschen mit weiteren Informationen überflutet, sondern eine, die Zusammenhänge verständlicher macht. Wenn jemand nach der Nutzung von LIV.TWIN seinen Befund besser versteht und mit klaren Fragen zum Arzt geht, haben wir bereits einen wichtigen Schritt erreicht.
Und wie weit reicht Ihre langfristige Vision?
Cornelia Beier
Langfristig wünschen wir uns, dass Menschen einen persönlichen digitalen Gesundheitsbegleiter haben, der relevante Informationen über längere Zeiträume miteinander verbindet und ihnen hilft, ihre Gesundheit besser zu verstehen. Heute liegen viele Informationen völlig getrennt voneinander vor. Ein Laborwert beim Hausarzt, ein MRT in einer Klinik, Daten aus einer Smartwatch und vielleicht noch weitere Untersuchungen. Daraus könnte perspektivisch ein deutlich umfassenderes Bild entstehen. Besonders spannend finde ich die Möglichkeit, Veränderungen über die Zeit zu erkennen und daraus individuell passende Präventionsansätze abzuleiten.
Roy von der Locht
Für mich geht es außerdem darum, Menschen gerade in schwierigen gesundheitlichen Situationen Orientierung zu geben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wertvoll das sein kann. Wenn wir mit LIV.TWIN dazu beitragen, dass Menschen informierter in medizinische Gespräche gehen, relevante Fragen früher stellen und sich besser auf wichtige Entscheidungen vorbereiten können, dann hat unsere Arbeit einen echten Sinn.
Was wünschen Sie sich, wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken?
Cornelia Beier
Ich wünsche mir, dass Prävention ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens geworden ist und Menschen ihre Gesundheit nicht erst dann ernst nehmen, wenn eine Krankheit auftritt. Dass sie verstehen, welchen Einfluss sie selbst nehmen können, und dass Gesundheit nicht ausschließlich mit Verzicht oder Einschränkungen verbunden wird, sondern mit Lebensqualität, Selbstständigkeit und der Möglichkeit, möglichst lange ein erfülltes Leben zu führen.
Roy von der Locht
Und ich wünsche mir, dass Menschen, die eine schwierige Diagnose erhalten, nicht mehr allein vor einem Stapel medizinischer Dokumente sitzen und nicht wissen, was sie als Nächstes tun sollen. Sie sollten Zugang zu verständlichen Informationen haben und wissen, wie sie qualifizierte medizinische Unterstützung finden können.
Cornelia Beier
Genau darum geht es uns beiden. Wir möchten Menschen helfen, ihre Gesundheit besser zu verstehen und mit diesem Wissen bewusster zu leben. LIV.TWIN ist für uns die Möglichkeit, unsere Erfahrungen und diese Überzeugung in eine konkrete Lösung zu übersetzen.